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Rückblick 2008: Journalisten-Treff mit Günter Wallraff

Ali zu Besuch bei Ali in Duisburg
Günter Wallraff zu Gast beim 5. Journalisten-Treff des Pressevereins Niederrhein-Ruhr

Günter Wallraff
Günter Wallraff

Wo ist Günter Wallraff? Diese Frage hatte Doppelsinn am Samstagabend, 24. Mai, als wahre Menschenmassen zur Akzente-Lesung in die Zentralbibliothek Duisburg pilgerten, um Deutschlands berühmtesten Enthüllungs-Journalisten live zu erleben. 400 Plätze waren flugs gefüllt. Soviel saßen noch nie in dem Saal. Eingeladen hatte der Deutsch-Tunesische Kulturverein, der Presseverein Niederrhein-Ruhr war sein Kooperationspartner. Das Interesse an Wallraff, es ist ungebrochen. Obwohl seit den 90er Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten, kann Wallraff weiterhin von altem Ruhme zehren.

Legendär die 13 unerwünschten Reportagen aus dem Jahr 1969, für die er in die Rolle eines Alkoholikers in einer psychiatrischen Klinik schlüpfte, oder in die eines Obdachlosen, eines Studenten auf Zimmersuche sowie eines vermeintlichen Napalmlieferanten für die US-Armee. 1977 arbeitete Wallraff dreieinhalb Monate lang als Redakteur bei der Bild-Zeitung in Hannover. In dem Bestseller „Der Aufmacher – Der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war“ schilderte er später seine Erfahrungen in der Lokalredaktion Hannover und weist der Bild-Zeitung schwere journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden nach. Der Deutsche Presserat sprach daraufhin sechs Rügen gegen die Bild-Zeitung aus und rügte aber auch Wallraff für seine „nicht zulässige verdeckte Recherche“. Dann der Aufschlag in Duisburg: 1983 hatte Wallraff unter falscher Identität als türkischer Leiharbeiter Ali bei Thyssen Stahl in Hamborn angeheuert und dort miserable Arbeitsbedingungen erlebt und aufgedeckt.

Thomas Münten spricht mit Günter Wallraff
Thomas Münten spricht mit Günter Wallraff

 

Als Kuli in der Masse schaut dir ja kein Mensch ins Gesicht“
25 Jahre danach ist er wieder undercover unterwegs. Aber wo war er an diesem Samstagabend? Die Uhr zeigte 19.59 Uhr, kein Wallraff in Sicht. Vor der Türe der Bibliothek in Duisburg steht Ali Houzi, der Präsident des Kulturvereins und seinerzeit bei Thyssen ein tunesischer Arbeitskollege von Wallraff, alias „Ali“. Er schwitzt Blut und Wasser, der Verzweiflung nahe telefoniert er den Akku seines Handys leer. Drinnen im Saal 400 erwartungsfrohe Zuschauer. Rekordzahl. Sitzt Wallraff schon undercover zwischen ihnen?
Nein, er war verspätet. „Ich komme immer auf den Punkt genau!“, sagt er lächelnd und eilt zu seinem Publikum. Wo war es schlimmer, fragt ihn WDR-Moderator Thomas Münten; damals bei Thyssen in Duisburg, oder jetzt im Hunsrück als Billiglöhner beim Brötchen-Bäcker für Lidl? Beim Brötchenbäcker, antwortet Wallraff schnell: „Dort gab es noch weniger Arbeitsschutz und noch mehr Entsolidarisierung der Beschäftigten.“ Aber bei Thyssen in Duisburg, da würde er doch gerne mal wieder arbeiten, diesesmal ganz offiziell, nicht verdeckt. Um mal zu schauen, ob es heute, 25 Jahre nach „Ganz unten“ besser läuft in Duisburg-Beeckerwerth. Aber auch Wallraff ist ja älter geworden. 65 Jahre alt ist er heute.

Ist sein Gesicht für Undercover-Aktionen denn nicht längst zu bekannt? Im Gegenteil, es werde immer einfacher. „Als Kuli in der Masse schaut dir ja kein Mensch ins Gesicht“, sagt er. Der Billiglöhner, der spielt im Betrieb einfach keine Rolle, er ist ein Nichts. Leichtes Spiel also, in die Rolle eines Nichts zu schlüpfen. Erst recht, wenn man, wie beim Brotbäcker im Hunsrück, auch noch eine Art Mundschutz im Gesicht hatte. Da sieht man gar nichts mehr vom eingeschmuggelten Wallraff. Und der Verfassungsschutz, so grinst der Kölner Journalist, der habe ihm mal attestiert, er habe ein „schwer zu observierendes Allerweltsgesicht“. Na bestens! Im Augenblick, so bekennt Wallraff, sei er wieder verdeckt unterwegs, eine ganz heikle Sache, nichts könne er dazu andeuten. Weswegen er den Auftritt bei den Duisburger Akzenten eigentlich gar nicht machen wollte. Er habe es dann aber aus Freundschaft zu Ali Houzi getan. Ali besucht Ali. Bei der neuen Undercover-Aktion, sagt Wallraff, da habe ihn selbst seine Tochter nicht mehr erkannt. Die Maskerade sei einfach perfekt.

Eine Gewerkschaft-Stiftung müsste her …
Wallraff liest aus seiner Reportage, die er zum 1. Mai für „Die Zeit“ geschrieben hat, berichtet den Duisburger Zuhörern eindrucksvoll aus der „Brötchenhölle“ im Hunsrück; sein Text ist schnörkellos, seine Rede wirkt leicht gehetzt, keine Zeit für eitle Kapriolen, so als ob seine Enttarnung gerade bevor stehe. Soviel hat der Mann mitzuteilen. Er berichtet von elenden Verbrennungen an Händen und Armen mit heißen Backblechen, von Einschüchterungen, Angst und Schimmelpilz, alles für das tägliche Billig-Brötchen für Lidl. Seine Botschaft an das Duisburger Publikum: Nicht nur was ein Brötchen kostet und wie es schmeckt, darf den Menschen interessieren, sondern auch unter welchen Arbeitsbedingungen es in die Tüte gelangt ist. Und er zitiert Heinrich Böll: „Es müsste viele Wallraffs geben“ hatte der einmal gesagt. Wenn ganze Heerscharen von Enthüllern durch die Lande ziehen würden, aufdeckten, wo die Rechte der Menschen am Arbeitsplatz, die doch Menschenrechte seien, mit den Füßen getreten werden, müsste am Ende eine bessere Gesellschaft herauskommen. Eine Gewerkschafts-Stiftung, so sinniert Wallraff, könnte so etwas organisieren. Junge Journalisten könnten bei Firmen anheuern, nachschauen, was da los ist, und dann aufdecken, berichten, anklagen. So wie er es tut, seit einer Ewigkeit.

© 2008 Stefan Endell